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Tanvir*: „Überall war Dunkelheit. Überall war Meer.“

26
October
2026

Tanvir* verlässt Bangladesch in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch in Libyen erlebt er Ausbeutung und Perspektivlosigkeit, bis ihm schließlich nur die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer bleibt. Nach vier Tagen auf See wird er gerettet.

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Tanvir*: „Überall war Dunkelheit. Überall war Meer.“

Tanvir*

26
October
2026

Heimatland

Bangladesch

Rettungsdatum

12
May
2026

Alter

Tanvir* verlässt Bangladesch in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch in Libyen erlebt er Ausbeutung und Perspektivlosigkeit, bis ihm schließlich nur die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer bleibt. Nach vier Tagen auf See wird er gerettet.

Tanvir* kommt aus Dhaka in Bangladesch und studierte dort an der Universität. Er träumte davon, nach Europa zu gehen und dort sein Studium fortzusetzen. Doch sein Weg führte ihn zunächst nach Libyen. Statt der erhofften Perspektive erwarteten ihn dort Ausbeutung, Gewalt und Unsicherheit:

"Ich fand keinen guten Weg, Bangladesch zu verlassen. Eines Tages traf ich einen Mann, der für Menschen aus Bangladesch die Reise nach Libyen organisierte. Er redete mir ein, dass es dort viele Arbeitsmöglichkeiten gebe. Er sagte, der Flug würde 5.000 Dollar kosten. Da das eine Menge Geld ist, hat mir meine Familie die Hälfte geliehen, und für die andere Hälfte habe ich mir Kredite von Freunden besorgt.

Ich reiste über Dubai weiter nach Ägypten. Nachdem ich Ägypten erreicht und viele administrative Hürden überwunden hatte, kam ich in Bengasi an. Der Vermittler besorgte mir eine Unterkunft. Ein Libyer stellte mich in seinem Laden ein."

Ausbeutung und Unsicherheit in Libyen

"Libyen ist für jeden ein sehr schwieriger Ort. Man kann nicht sicher nach draußen gehen. Wenn man allein nach draußen geht, kann man von der Mafia geschnappt werden. Sie sind überall. Selbst wenn man die legalen Papiere hat, um in Libyen zu leben, hilft das nichts. Wenn die Polizei einen erwischt, verkauft sie einen an die Mafia.

Ich arbeitete, ohne einen Lohn zu erhalten, aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich war hilflos und konnte auch kein Geld an meine Familie schicken. Ich habe zwei Jahre lang in Libyen gearbeitet, aber ich habe nie meinen Lohn bekommen. Mein Reisepass wurde von einigen Libyern einbehalten, was alles noch schwieriger machte. Freunde rieten mir, dieses Land zu verlassen, in dem ich gefangen war. Ich wusste, dass so viele Menschen bei dem Versuch, über das Meer nach Europa zu gelangen, ums Leben gekommen sind, deshalb weigerte ich mich zunächst, das Land zu verlassen."

Vier Tage auf See

"Schließlich hatte ich aber keine andere Wahl und musste mein Leben riskieren.

Ich überzeugte meinen Arbeitgeber, der mich nie bezahlt hatte, zumindest meine Überfahrt zu organisieren. Er brachte mich in die Wüste, wo ich mit 75 anderen Menschen, die auf die Überfahrt warteten, in einem Haus untergebracht wurde. Eines Tages setzten sie uns alle auf ein winziges Boot.

Überall war Dunkelheit. Überall war Meer. Nur wir, sonst niemand. Uns gingen das Trinkwasser und die Datteln aus, die wir zum Essen mitgebracht hatten. Wenn die Wellen hoch waren, wurde den Leuten sehr übel. Wir klammerten uns aneinander, weil wir nass und durchgefroren waren. Wir beteten. Wir wollten einfach nur leben. Wir wollten nicht hier auf dem Meer sterben. Wenn wir hier sterben würden, würde unsere Familie uns niemals finden können, nicht einmal unsere Körper.

Wir hatten jede Hoffnung verloren. Dann sah ich einen Vogel. Ich fand es seltsam, mitten im Nirgendwo einen Vogel zu sehen. Das gab mir ein kleines bisschen Hoffnung zurück. Danach sah ich einen Schmetterling. Dann sah ich eine Biene."

Hoffnung auf offenem Meer

"Am nächsten Morgen sahen wir in der Ferne ein Schiff. Dann ein Schnellboot. Aber wir bekamen große Angst, weil wir dachten, es sei die libysche Küstenwache. Und plötzlich sah ich zwei Frauen in dem Schnellboot. Und ich dachte, sie können nicht von der libyschen Küstenwache sein. Denn bei den libyschen Sicherheitsbehörden dürfen Frauen solche Aufgaben nicht übernehmen. Also nahm ich an, dass sie aus Europa sein mussten.

Nach vier Tagen und vier Nächten, in denen wir versucht hatten, auf diesem Meer zu überleben, ohne Hoffnung, und dann zu sehen, dass diese Menschen da waren, um uns zu retten… Ich kann mein Gefühl nicht beschreiben.

Sie waren sehr freundlich und sagten zu uns: ‚Ihr müsst keine Angst haben.‘ Und ich dachte, ich hätte noch nie im Leben so gute Menschen gesehen. Denn Menschen helfen einem sonst nie auf diese Weise. Ich dachte: Wenn es Engel gibt, dann müssen sie so sein wie diese Menschen.

Mein Ziel, meine Hoffnung ist es, das Gleiche zu tun wie diese Leute. Ich möchte kein Milliardär sein und auch nicht besonders beliebt sein. Ich möchte einfach anderen helfen, so wie mir die Menschen in dieser Organisation geholfen haben. Ich möchte eines Tages die gleiche Arbeit leisten wie sie."

Am 12. Mai 2026 kam Tanvir* an Bord der Ocean Viking. Vier Tage später konnte er gemeinsam mit 130 weiteren Überlebenden in Ravenna an Land gehen.

*Name wurde zum Schutz des Überlebenden geändert

Fotocredit: Marie Tihon / SOS MEDITERRANEE

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