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Zeineb*: „Ich kann das Meer nicht mehr sehen.“

19
May
2026

Als das kleine Boot kenterte, auf das Zeineb* gezwungen worden war, konnte sie sich nur noch auf ihren Mut verlassen, um zu überleben. 2016 überlebte sie als einzige Frau einen Schiffbruch.

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Zeineb*: „Ich kann das Meer nicht mehr sehen.“

Heimatland

Mali

Rettungsdatum

15
November
2016

Alter

19

Als das kleine Boot kenterte, auf das Zeineb* gezwungen worden war, konnte sie sich nur noch auf ihren Mut verlassen, um zu überleben. 2016 überlebte sie als einzige Frau einen Schiffbruch.

Zeineb* war auf ein notdürftiges Boot gezwungen worden. Als es kenterte, konnte sie sich nur noch auf ihren Mut verlassen, um zu überleben. Ihre Geschichte stammt aus dem Buch Les Naufragés de l'enfer (Die Schiffbrüchigen der Hölle) und wurde 2016 an Bord der Aquarius von Marie Rajablat, einer psychiatrischen Krankenschwester, aufgezeichnet. In ihrem Buch lässt sie die Stimmen jener Frauen hören, die unglaubliche Fluchtwege hinter sich haben und deren  Stimmen allzu oft zum Schweigen gebracht werden.

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"Ich kann das Meer nicht mehr sehen"

Zeineb* war auf einem Boot, mit dem 90 Menschen auf See ums Leben kamen. Sie ist 19 Jahre alt und die einzige Frau, die überlebt hat. Zeineb* wurde einige Jahre zuvor zwangsverheiratet und hatte beschlossen, vor den Misshandlungen ihres Mannes zu fliehen. Sie brach mit ihrer Freundin Fatiah auf, deren Mann im Sommer zuvor in Italien angekommen war.

"Von Anfang an sagten die Leute, dass wir mit diesem Boot nicht fahren können. Der Motor machte seltsame Geräusche und am Boden war Wasser. Aber sie haben uns geschlagen und ins Boot geworfen. Es gab kein Zurück. Wir fuhren in der Nacht los, gegen Mitternacht oder ein Uhr morgens. Es war sehr windig. Das Wasser stieg immer höher. Die Menschen im Boot hatten Angst. Einige schrien, andere riefen nach Gott. Die Männer sagten, wir sollten uns nicht bewegen, um das Boot nicht zum Kentern zu bringen. Das ging lange so, vielleicht zwei oder drei Stunden, ich weiß es nicht."

Dann wurden die Wellen stärker und das Boot kenterte.

"Die meisten konnten nicht schwimmen. Das Boot wurde vom Wind weggetrieben. Die Menschen klammerten sich aneinander. Alle schrien. Das Boot entfernte sich immer weiter. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, das Boot einzuholen. Ich kann nicht schwimmen. Einige Männer drehten das Boot um und kletterten hinein, aber sie hinderten die anderen daran, sich auch ins Boot zu ziehen. Die beiden Frauen, die du mir vorhin auf den Fotos gezeigt hast, hatten es an Bord geschafft, aber die Männer stießen sie zurück ins Wasser. Deshalb sind sie ertrunken. Und als ich es geschafft hatte, mich an den Seilen festzuhalten, stießen sie mich ebenfalls zurück.

Dann kam das Rettungsboot und sie warfen uns Rettungswesten zu. Aber auch da verhinderten die Männer, dass wir sie auffingen. Also klammerte ich mich an den Rücken eines Jungen im Wasser, weil er eine Weste trug, und man holte mich heraus."

Zeineb* erzählte mir in einem Zug und mit monotoner Stimme von ihrem Kampf. Sie hatte keine Angst, denn um zu überleben, muss man seine Gefühle unterdrücken:

"Wenn du Angst hast, stirbst du", fügt sie hinzu.

Ihr Gesicht ist verschlossen. Ihr Körper ist hart wie Stein. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft genommen hat, mir all das zu erzählen. Wie alle, deren Reise tödlich endete, sieht sie die Gesichter der Menschen, die um sie herum ertrinken. Egal, ob sie die Augen schließt oder nicht, sie hört sie ihre letzten Worte schreien.

"Ich kann das Meer nicht mehr sehen."

Und tatsächlich hat sie die Frauenunterkunft auf dem Schiff kein einziges Mal verlassen. Sie blieb während der gesamten Reise zusammengekauert sitzen. Denn wenn sie an Deck gegangen wäre, wäre sie vielleicht genau den Männern begegnet, die versucht hatten, sie zu ertränken – und andere ertränkt hatten.

*Name wurde zum Schutz der Überlebenden geändert.

Fotocredit: Kevin Mc Elvaney / SOS MEDITERRANEE

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