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Aya*: „Libyen ist ein Albtraum.“

16
June
2026

Aya* ist 22 Jahre alt und kommt von der Elfenbeinküste. Sie wurde am 19. Februar 2020 zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens aus Seenot gerettet.

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Aya*: „Libyen ist ein Albtraum.“

Heimatland

Elfenbeinküste

Rettungsdatum

19
February
2020

Alter

22

Aya* ist 22 Jahre alt und kommt von der Elfenbeinküste. Sie wurde am 19. Februar 2020 zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens aus Seenot gerettet.

Triggerwarnung: Dieser Bericht enthält Beschreibungen von physischer und sexualisierter Gewalt.

„In Libyen war ich die meiste Zeit zwischen vier Wänden eingeschlossen. Ich ging kaum nach draußen. Ich lebte hauptsächlich in Zawiyah und Bani Walid. Dort gehen afrikanische Frauen mit schwarzer Haut kaum nach draußen. Die Leute sagen meistens, dass man vorsichtig sein muss. Wenn du rausgehst, können sie dich entführen, um dich zu verkaufen, dich in irgendein Gefängnis bringen und Lösegeld verlangen. Wenn du kein Geld hast, können sie dich vergewaltigen. Sie können sogar dorthin kommen, wo du wohnst. Selbst Männer werden ausgeraubt. Frauen können sich nicht verteidigen. Selbst wenn du verheiratet bist, wenn Gott an diesem Tag nicht bei dir ist, rauben sie dich aus und vergewaltigen deine Frau. Ich wäre beinahe selbst Opfer geworden, aber Gott hat mich beschützt. Ich wäre fast vergewaltigt worden.  

Es war an einem Donnerstag, wir wollten zum Markt gehen. Frauen gehen nur montags und donnerstags hinaus, an den Markttagen. Ich nahm mit zwei Freundinnen ein Taxi. Normalerweise begleiten uns unsere Männer, aber an diesem Tag konnten sie nicht. Markttage sind die einzigen Tage, an denen Frauen ein bisschen aufatmen können. Rausgehen, die Stadt sehen … also fuhren wir mit dem Taxi los.  

Aber der Fahrer brachte uns nicht zu dem Markt, zu dem wir ihn gebeten hatten zu fahren. Ich kannte mich an dem Ort nicht gut aus. Es war meine Freundin, die sagte: „Nein, das ist nicht der richtige Weg. Wohin fahren Sie?“ Er sagte, wir sollten still sein, sonst würde er uns töten. Dann zog er eine Waffe, eine Pistole, um uns Angst zu machen. Ich glaube, zuerst wollte er uns verkaufen. Aber Gott wollte das nicht, an diesem Tag konnte er uns nicht verkaufen. Also sagte er, er wolle Sex mit mir haben. Auf Englisch sagte er: „You, me fuck you.“ Ich sagte: „Nein, ich bin verheiratet.“ Er sagte, das spiele keine Rolle, er könne tun, was er wolle. Ich sagte nein. Er sagte, es gebe nichts zu diskutieren. Ich sagte wieder: „Nein, ich bin verheiratet, und meine Tochter ist auch dabei.“ Er sagte: „Selbst wenn deine Tochter da ist, mache ich, was ich will.“ Er sagte, wenn er Sex mit mir haben wolle, dann würde er mit mir schlafen.  

Ich begann zu beten, zu beten, zu beten. Alle Götter, die ich kenne, rief ich an diesem Tag. Ich betete, dass mir das nicht passieren würde. Es war nicht leicht. Aber eine meiner Freundinnen, die hinter ihm saß, packte ihn am Hals, dann griffen wir beide nach seiner Waffe. Wir richteten die Pistole auf ihn und sagten ihm, dass wir ihn töten würden, wenn er uns nicht an den richtigen Ort bringe. Es war nicht einfach. Er hatte das Auto in einem Gebüsch angehalten; wir kannten den Ort nicht einmal, aber Gott gab uns die Kraft, ihm zu drohen, und so brachte er uns dorthin zurück, wo er uns abgeholt hatte.  

Selbst wenn man für libysche Familien arbeitet, ist es nicht einfach. Siehst du meine Hand? Sie wurde in Libyen verletzt, alle meine Finger. Ich arbeitete als Haushaltshilfe. Aber wenn einer ihrer Söhne mit dir schlafen will – und oft sogar will der Vater mit dir schlafen – und du es nicht akzeptierst, bezahlen sie dich nicht. Der Lohn für den ganzen Monat steht auf dem Spiel. Ich habe bei zwei Familien gearbeitet. Jedes Mal passierte dasselbe. Ich habe jedes Mal abgelehnt, es ist nicht eine Frage des Geldes! Aber sie werden dir Angst machen.  

Mein Mann arbeitete im Baugewerbe. Sein Chef war ein netter Mensch. Er gab ihm eine Karte, mit der er sich bewegen konnte, zur Arbeit gehen und wieder zurückkommen. Wenn die Polizei ihn anhielt, zeigte er die Karte und sie ließen ihn gehen. Trotzdem wurde er mehrmals entführt. Die Karte schützte ihn vor der Polizei, aber wenn Banditen dich erwischen, ist es vorbei. Das ist mein dritter Versuch, über das Meer zu fliehen. Die ersten beiden Male wurden wir von den Libyern [libysche Küstenwachen] abgefangen und ins Gefängnis gebracht. Meine Tochter war damals zwei Jahre und ein paar Monate alt.  

In Libyen sagen sie: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.  

Im Gefängnis müssen Frauen mehr bezahlen, um freizukommen. Sie wissen, dass Frauen Angst haben und nicht fliehen können, besonders wenn sie ein Kind haben, Männer haben eher eine Chance zu entkommen.  

Sogar beim Duschen sind es Männer, die das machen. Sie sagen dir, du sollst dich ausziehen, komplett nackt, sie nehmen selbst die Schläuche und so wirst du gewaschen. Sie bringen Frauen in eine Ecke, manchmal sind es zwei oder sogar drei Männer, die eine einzige Frau vergewaltigen. Danach werfen sie dich zurück in die Zelle. Ich habe gesehen, wie Frauen hinausgeführt wurden und danach wieder zurückkamen. Stell dir vor, wie sie zurecht waren. Sie waren zerstört, sie wollten sich umbringen. Sie hatten ihre Würde verloren. Es ist sehr, sehr schwer, das mitanzusehen. Es ist sehr beängstigend. In den Gefängnissen passieren Vergewaltigungen jeden Tag. Und oft wollen sie es mit derselben Frau wieder tun … dasselbe wie am Tag zuvor.  

Eines Tages nahmen sie ein Baby. Sie schlugen die Mutter. Schlugen sie, schlugen sie, schlugen sie. Angeblich sollte sie nur ihre Eltern anrufen, damit sie das geforderte Lösegeld schicken. Aber sie hatte keine Eltern, die das bezahlen konnten, und auch keinen Mann. Eines Tages nahmen sie ihr Baby, gruben ein Loch und setzten das Kind hinein und begannen, Sand bis zum Kopf darüber zu schütten. Das Kind schrie und weinte, weinte, weinte. Nach zehn Minuten holten sie das Kind wieder heraus und gaben es der Mutter zurück.  

Ein anderes Mal war ich mit einer Frau, deren Gesicht vollständig verbrannt war, ihre Hand, ihre Arme, alles war verbrannt. Auch sie hatte ein Baby. Sie kannten kein Erbarmen. Wenn du dort kein Geld hast, wirst du sterben.  

Um aus dem Gefängnis zu kommen, riefen mein Mann und ich älteren Brüder in der Heimat an, unsere Väter. Der ältere Bruder meines Mannes schickte das Geld, damit wir freikommen konnten. Unsere Familien legten zusammen, um das Lösegeld zu bezahlen.  

Gott sei Dank ist es vorbei. Gott sei Dank ist es vorbei! Gott sei Dank ist es vorbei … Libyen ist ein Albtraum.“

Aya* an Bord der Ocean Viking

*Name wurde zum Schutz der Überlebenden geändert.

Fotocredit: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE

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