Favour*: “Dieses Meer sollte nicht für Geschäfte benutzt werden.”
Favour* wurde mit falschen Versprechungen von Nigeria nach Libyen gelockt. Tatsächlich wurde er Opfer moderner Sklaverei.
Favour*: “Dieses Meer sollte nicht für Geschäfte benutzt werden.”
Favour*
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Favour* wurde mit falschen Versprechungen von Nigeria nach Libyen gelockt. Tatsächlich wurde er Opfer moderner Sklaverei.
Favour* aus Nigeria ist 23 Jahre alt, als er am 31. Juli 2021 von der Crew der Ocean Viking aus Seenot gerettet wurde. Vor der Ausschiffung im Hafen von Pozzallo auf Sizilien erzählt er, wie er mit falschen Versprechungen nach Libyen gelockt wurde, nur, um dort festzustellen, dass er in eine Form moderner Sklaverei verkauft worden war.
Favour möchte, dass seine Geschichte geteilt wird, um andere zu warnen. Für ihn kann nur eine politische Lösung den Kreislauf aus Ausbeutung und Gewalt durchbrechen, dem er in Libyen zum Opfer gefallen ist. Wenige Stunden vor der Ausschiffung freut er sich vor allem darauf, endlich seine Mutter zu kontaktieren.
„Vielleicht denkt sie, ich bin tot“, sagt er, „aber ich werde einen Weg finden, sie zu erreichen und ihr zu sagen, dass ich noch lebe.“
Leben in Nigeria
„Zu Hause war mein Leben in Gefahr. Mein Großvater hatte mir ein Stück Land gegeben, und ich nutzte es, um meine Familie zu unterstützen, während ich als Modedesigner arbeitete. In meiner Gegend gab es einen Mann, der dieses Land haben wollte und er begann, mich zu bedrohen, er würde meine ganze Familie auslöschen, wenn wir das Land nicht verlassen. Er hat meinen Großvater ermordet. Ich ging zur Polizei, aber sie haben nichts unternommen. Dieser Mann war sehr einflussreich, und die nigerianische Polizei arbeitet nur für diejenigen, die Geld haben.“
Die Reise nach Libyen
„Ich kam nach Libyen, nachdem mich jemand getäuscht hatte, den ich für einen Freund hielt. Da ich Modedesigner bin, sagte er mir, dass es in Libyen viel Arbeit in der Modebranche gebe. Was ich nicht wusste, war, dass er mich in Wirklichkeit verkauft hatte. Insgesamt verbrachte ich zwei Jahre in Libyen. Als ich den Menschen entkam, an die ich verkauft worden war, begann ich als Ziegelmacher zu arbeiten. Aber wenn du deine Arbeit für Libyer beendest, bezahlen sie dich ungern. Ich wollte nie das Meer überqueren, aber ich musste lernen, dass es in Libyen keine Freiheit gibt. Überall nur Unterdrückung.“
Fluchtversuche und Gewalterfahrungen
„Beim ersten Versuch, das Meer zu überqueren, wurde ich von den libyschen Küstenwachen abgefangen und in das Gefangenenlager Tarik Al Sikka in Tripolis gebracht. 3000 Dinar, um rauszukommen. 5000 Dinar für Frauen. Männer werden jeden Tag in diesem Gefangenenlager geschlagen, und die Mädchen werden vergewaltigt. Viele nigerianische Frauen werden Opfer von Menschenhandel. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, muss ich um sie weinen. Nachdem sie auf See abgefangen wurden, haben viele Frauen niemanden, der für sie bezahlen kann. Dann werden sie verkauft. Das ist Menschenhandel.“
Um freizukommen, bittest du einen Freund außerhalb des Lagers, die Polizei zu bezahlen. Oder du versuchst zu fliehen. Ich kenne Menschen, die versucht haben, aus dem Gefangenenlager Abu Salim zu fliehen. Auf sie wurde mit Maschinengewehren geschossen. Zehn von ihnen wurden getötet. Mein Freund wurde von einer Kugel getroffen.
Für mich wirkt es so, als hätten auch internationale Organisationen Angst. Manchmal, wenn sie uns im Lager besuchen wollten, haben die Libyer sie einfach hinausgeworfen. Selbst wenn du sehr krank bist, lassen die Libyer nicht zu, dass sie dich herausbringen.
Die Polizei ist auch daran beteiligt, Menschen auf die Reise über das Meer zu schicken. Manche bezahlen, um aus dem Gefangenenlager freizukommen, und gleichzeitig bezahlen sie die Polizei, damit sie sie auf ein anderes Boot bringt. Wenn die Polizei eine Abfahrt organisiert, kleben sie einen Aufkleber auf das Boot, damit die Küstenwache weiß, dass es von ihnen gestartet wurde und es passieren lässt.
Dieses Meer sollte nicht für Geschäfte benutzt werden. Menschen verlieren ihr Leben dort jeden Tag.“
Die strukturellen Probleme
„Meiner Meinung nach werden weiterhin Menschen auf See sterben, solange Libyen keine echte Regierung hat. Denn die Menschen werden dort unterdrückt. In Libyen hat jeder eine Waffe, sogar Kinder.
Ich wünschte, ich wäre nicht gegangen. Ich wünschte, die Polizei in meinem Land würde so arbeiten, wie sie sollte. Zuerst müssen die Bürger geschützt werden, und dann müssen die Grenzen Nigerias kontrolliert werden. Es gibt so viele Nigerianer in Libyen, weil sie zu Hause nicht geschützt sind und weil die Grenzen nicht kontrolliert werden.
Ich möchte, dass der Mann, der mich getäuscht hat, zur Rechenschaft gezogen wird. Denn ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, dem er das angetan hat. Und weil ich weiß, dass er damit weitermachen wird.“
*Name wurde zum Schutz des Überlebenden geändert.
Fotocredits: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE
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