11 Tote im Meer, zwei gewaltsame Pullbacks: ALBATROSS dokumentiert Versagen der EU
ALBATROSS UNO ist seit wenigen Tagen wieder in der Luft und macht deutlich, wie wichtig unabhängige Luftbeobachtung ist: 11 leblose Körper und zwei Pullbacks der libyschen Küstenwache wurden in nur zwei Flügen dokumentiert.
11 Tote im Meer, zwei gewaltsame Pullbacks: ALBATROSS dokumentiert Versagen der EU
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ALBATROSS UNO ist seit wenigen Tagen wieder in der Luft und macht deutlich, wie wichtig unabhängige Luftbeobachtung ist: 11 leblose Körper und zwei Pullbacks der libyschen Küstenwache wurden in nur zwei Flügen dokumentiert.
Heute machte die Crew der Mission Albatross während eines Beobachtungsflugs über dem zentralen Mittelmeer eine erschütternde Entdeckung: Im Meer trieben die Körper von 11 Menschen, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand befanden. Die ALBATROSS UNO ist das gemeinsame Luftbeobachtungsflugzeug von SOS MEDITERRANEE und der Humanitarian Pilots Initiative (HPI). Als das Flugzeug tiefer kreiste, konnte die Crew weitere Einzelheiten erkennen: Einige der Toten trugen noch ihre Kleidung, andere wurden von Reifenschläuchen über Wasser gehalten.
Zahl der Vermissten steigt weiter an
Während die Umstände und der Zeitpunkt des Schiffsunglücks weiterhin unbekannt sind, führt uns dieser Fund die menschlichen Folgen der tödlichen europäischen Abschreckungspolitik und der Gleichgültigkeit drastisch vor Augen. Er reiht sich in die wachsende Zahl von Menschenleben ein, die auf dieser Route verloren gehen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Beginn dieses Jahres mindestens 872 Menschen gestorben oder gelten als vermisst – ein Anstieg um 24 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum in 2025, als mindestens 702 Todesfälle dokumentiert wurden.
Diese Todesfälle sind keine tragischen Unfälle, sondern das vorhersehbare Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen. Seit mehr als einem Jahrzehnt ziehen sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union aus ihrer Verantwortung für die Seenotrettung zurück und behindern und kriminalisieren gleichzeitig systematisch die zivile Seenotrettung. Zugleich macht die fortgesetzte Unterstützung der libyschen Küstenwachen – unter anderem durch die Bereitstellung von Ressourcen, Ausbildung und Ausrüstung – die Überfahrt für die Menschen, die sie wagen, noch gefährlicher.
Die Route über das zentrale Mittelmeer ist tödlicher denn je
Es erreichen zwar weniger Menschen Europa über das zentrale Mittelmeer, aber gleichzeitig verliert ein größerer Anteil von ihnen auf dem Weg dorthin sein ihr Leben. Die Zahl der Menschen, die Italien erreichen, ist um 56 Prozent zurückgegangen – eine Zahl, die von der italienischen Regierung häufig als Beleg für den Erfolg ihrer Migrationspolitik angeführt wird. Doch der Rückgang der Ankünfte hat die Überfahrt nicht sicherer gemacht: Die geschätzte Sterblichkeitsrate liegt inzwischen bei fast 3 Prozent.[1] Das bedeutet, dass ungefähr einer von 35 Menschen, der/die die Überfahrt versucht, stirbt oder aber als vermisst gilt. Diese Zahlen zeigen, dass geringere Abfahrten nicht weniger Todesfälle zur Konsequenz haben, sondern eher ein immer höheres Risiko für das Leben derjenigen besteht, die sich weiterhin auf den Weg machen.
Libysche Einheiten sind zunehmend präsent
Das ist nicht das einzige Zeichen für die sich verschlechternde Sicherheitslage auf See. In den vergangenen Monaten hat unsere Luftbeobachtungsmission in internationalen Gewässern eine zunehmende libysche Präsenz festgestellt – darunter nicht gekennzeichnete Schnellboote und neue Schiffe der libyschen Küstenwachen. Dabei beobachteten wir bedrohliches oder einschüchterndes Verhalten gegenüber Such- und Rettungsschiffen sowie Menschen in Seenot. Zwei Vorfälle, die unsere Crew kürzlich direkt beobachtet hat, verdeutlichen dieses Muster.
Pullbacks der libyschen Küstenwachen
Am 12. August beobachtete die ALBATROSS UNO während eines Flugs über dem zentralen Mittelmeer innerhalb einer Stunde zwei Pullbacks durch libysche Akteure. Um 12:42 Uhr sichtete die Crew ein blaues Holzboot mit etwa 50 Menschen an Bord, darunter auch drei Frauen. Das Boot trieb ohne lebensrettende Ausrüstung auf dem Meer. Um 16:39 Uhr entdeckte die Crew zwei nicht identifizierte Festrumpfschlauchboote (RHIBs) vor Ort: Eines schleppte das inzwischen leere Holzboot ab, und das andere hatte die Menschen aus diesem Holzboot an Bord genommen.
Weniger als eine Stunde später, um 17:34 Uhr, beobachtete die ALBATROSS UNO in derselben Region eine zweites gewaltsames Pullback. Betroffen war ein schwarzes, überfülltes Schlauchboot mit etwa 30 Menschen an Bord, darunter Kinder und Babys. An Bord war keine lebensrettende Ausrüstung zu erkennen. Das Boot war in der libyschen Such- und Rettungsregion nördlich von Tripolis, als unsere Crew beobachtete, wie sich ein Patrouillenschiff der libyschen Küstenwachen der Klasse TS 300 mit hoher Geschwindigkeit näherte.
Nach Angaben von SOS Humanity befand sich das Rettungsschiff Humanity 1 in der Nähe und wäre in der Lage gewesen, den Menschen in Seenot zu helfen. Stattdessen wurde es von den libyschen Küstenwachen angewiesen, das Gebiet zu verlassen und nach Norden zu fahren.
Das Patrouillenschiff verfolgte das Schlauchboot anschließend rund 40 Minuten lang und führte dabei eine Reihe aggressiver und gefährlicher Manöver durch. Es rammte das Schlauchboot mehrfach und versuchte während der Fahrt, es mit einem Seil festzubinden. Dadurch wurden das Leben der Menschen an Bord sowie die Stabilität des Bootes gefährdet, bevor das Pullback schließlich abgeschlossen wurde.
Die Mitschuld der Europäischen Union an Menschenrechtsverletzungen
Das Patrouillenschiff der Klasse TS 300 wurde den libyschen Behörden im Rahmen von SIBMMIL zur Verfügung gestellt, dem wichtigsten von der EU finanzierten Programm für Grenz- und Migrationsmanagement in Libyen. Wenn von der EU finanzierte Schiffe bei gewaltsamen Vorfällen wie diesem eingesetzt werden, stellen sich Fragen nach der Verantwortung. Fragen, auf die die europäischen Institutionen bislang keine Antwort geben wollen. Ohne Rechenschaftspflicht ist davon auszugehen, dass sich solche Vorfälle wiederholen werden.
[1] Diese Sterblichkeitsrate wird anhand von Daten zu Ankünften (UNHCR), Todesfällen und Vermisstenfällen (Missing Migrants Project der IOM) sowie Abfangaktionen (IOM Libya) berechnet. Die Daten zu Abfangaktionen sind begrenzt: Die tunesischen Behörden veröffentlichen seit Juni 2024 keine entsprechenden Daten mehr, und die jüngsten über IOM Libya verfügbaren Daten zu Abfangaktionen durch libysche Behörden reichen lediglich bis zum 25. Juli. Die Berechnung stützt sich daher auf die aktuellste verfügbare Schätzung für diesen Zeitraum. Da allgemein davon ausgegangen wird, dass die Zahlen der IOM die tatsächliche Zahl der Todes- und Vermisstenfälle auf See unterschätzen, dürfte die tatsächliche Sterblichkeitsrate höher liegen als diese Schätzung.
Fotocredit: Tess Barthes / SOS MEDITERRANEE
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