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„Was, wenn die Kugeln es durchschlagen?“

1
September
2025

Lucille, Kommunikationsverantwortliche an Bord der Ocean Viking spricht über den Angriff der libyschen Küstenwache.

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„Was, wenn die Kugeln es durchschlagen?“

1
September
2025

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Lucille, Kommunikationsverantwortliche an Bord der Ocean Viking spricht über den Angriff der libyschen Küstenwache.

Lucille, Kommunikationsverantwortliche an Bord der Ocean Viking über den Angriff der libyschen Küstenwache

Der Koordinator für Such-und Rettungseinsätze (SAR) hatte mich auf die Brücke gerufen. Als ich ankam, sah ich, wie sich ein libysches Küstenwachenschiff mit voller Geschwindigkeit näherte. Ich nahm ein Fernglas und ging nach draußen, um das Schiff zu überprüfen, aber schon wenige Minuten später rief der SAR-Koordinator, dass wir wieder ins Innere zurückkommen sollten, weil sie sich so schnell näherten: Intern wurde Sicherheitsstufe 1 aktiviert.  

Dann hörte ich, wie der SAR-Koordinator dem Team über das Radio sagte, dass sie die Überlebenden in Sicherheit bringen und dass sie drinnen bleiben sollten.  Er sprach über Funk mit der libyschen Küstenwache, und ich konnte hören, wie sie „raus, raus, raus“ sagten. Der SAR-Koordinator antwortete immer wieder, dass wir zu einem Notfall unterwegs seien und dass ihre Behörden darüber informiert sind.

Mit meinem Fernglas näherte ich mich dem Fenster auf der Steuerbordseite und sah zwei bewaffnete Männer, die auf uns zielten. Ich war mir sehr unsicher, was ich da sah.  Noch während ich mein Fernglas einstellte, um zu sehen, was passierte, hörte ich eine Kugel neben mir in die Tür einschlagen.

Jemand schrie: "Auf den Boden!". Jemand sagte darauf: „Sie schießen!“ Ich warf mich auf den Boden und ließ meine Kamera fallen. Ich hatte große Angst, ich stand direkt vor dem Fenster und dachte die ganze Zeit nur: „Was, wenn die Kugeln es durchschlagen?“  

Dann begannen sie erneut zu schießen. Als es kurz aufhörte, sprang ich in den Flur, fast auf meinen Kollegen, um mich vor den Kugeln zu schützen. Ich versuchte, unter den Tisch zu kriechen, aber ich schaffte es nicht. Sie begannen erneut zu schießen. Jemand schrie: „Auf den Boden!“ Ich legte mich flach auf den Boden.  

Ich machte mir solche Sorgen um die Überlebenden und meine Kolleg*innen, dass ich die Tür zur Treppe hin öffnete, um meine Kollegen zu warnen.

Irgendwie musste ich Ihnen sagen, dass sie sich und die Überlebenden in Sicherheit bringen mussten. Ich sah zwei Kolleg*innen aus ihrem Zimmer kommen. Ich schrie ihnen zu, dass wir angegriffen würden. Wir krochen auf dem Boden herum, um in Deckung zu bleiben. Wir sahen dann unsere Kolleg*innen, die alle lagen oder saßen, um sich vor den Kugeln zu schützen. Als es für eine Weile aufhörte, flüchteten wir in die Zitadelle, dem sichersten Ort des Schiffes. Ich hatte riesige Angst, dass sie die Zitadelle finden; dass sie das Schiff entern und uns alle töten würden.

Foto Credits: Max Cavallari / SOS MEDITERRANEE

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